Mein Kommentar zu den Bundestagswahlen

Jamie Schearer

„Wir sollten uns in den kommenden vier Jahren auf allen Ebenen bewusst dafür entscheiden, eine vielfältige Gesellschaft zu gestalten, anstatt unsere ganze Zeit und Energie in die Abwehr der Worte oder der Vorhaben der AfD zu stecken. Dieser Kampf bündelt zu viele Ressourcen und erreicht zu wenig.“

Hier der Artikel

 

Oktober 10, 2017

#GehtWählen #BTW2017

Jamie Schearer

Am kommenden Sonntag sind in Deutschland Bundestagswahlen. Einige Umfragen prognostizieren, dass die AfD, eine klar rassistische und demokratiefreindliche Partei, dritt stärkste Kraft im neuen Bundestag wird. Bitte macht Gebrauch von Eurem Wahlrecht und #GehtWählen. Ich habe letzte Woche mit Raul Krauthausen über dieses Thema und noch vieles mehr gesprochen. Einen Ausschnitt unseres Gesprächs findet ihr in der re:sponsive Folge 7

September 20, 2017

Why Zwarte Piet shows us that we are not over colonialism…

Jamie Schearer

A reflection on why Zwarte Piete is racist and a legacy of the Netherlands’ history of colonialism and slavery.

As a people raised in Europe we are taught to believe in Human Rights and in democracy. We believe that these are rights that we own, rights that are guaranteed to us. We believe that it is one of our fundamental rights to not only express our opinion freely, but to do so especially when it is about our human dignity, when it is about standing up for the inalienable rights that we were supposedly given. The Dutch constitution, as well as the German one, state that people have the right to a life free of discrimination whether on the basis of race, gender or belief. However, our daily realities look very different.

During this last weekend I was reminded that these rights are only granted to certain people in society, not to those who stand against the legacy of colonialism and enslavement of Black people and highlight its continuity until today. The effects of colonialism and enslavement linger on. The controversy about Black Pete is just one form of racism as Black communities deal with higher unemployment rates, police violence, racial profiling and an educational gap.

The events in Gouda at the national parade of Sinterklaas and his ’helpers’ the Zwarte Piets this last weekend, have shown that the Netherlands is not only holding on to and perpetuating colonial imagery of Black people,
it is also silencing any protest against it. The children’s festivity, where Sinterklaas, an equivalent to Santa Claus, is accompanied by his ’helpers’ who are blackfaced, is not an innocent children’s celebration.
It is actually an initialising moment of framing Black people as ’the others’, as servants and jolly and dumb entertainers, while handing out candy, reproducing the image of colonial subjects. This form of representation of Blackness through the colonial lense makes a strong case for where we stand in 2014 as European countries.

ZwartePietNiet_Berlin Embassy
Keshia F.-M.

The mere presence of Black people with ’Zwarte Piet Niet’ (No to Black Pete) T-shirts even led to arrests. We, as people who were peacefully protesting, were arrested, making clear how little criticism of the current system is allowed.

Because blackfacing isn’t just a problem in the Netherlands. You find racist blackfacing across Europe, including Germany, Denmark, Sweden, Spain and so on. Often these events are not only organised through official entities, but the people financing them include Black citizens, through their tax money.

In Germany we had two cases of blackfacing on the public TV station last year. One incident took place during the Holocaust memorial day, stating that it would be censorship to change the N-word in childrens’ books. Blackfacing most of the time becomes a tool to emphasize the position of Black people in our societies. It shows us Black people that we do not have the power to define images about us. Instead they are shaped and reinforced for us by the dominant society. Hence, the protest in Gouda was about much more than a children’s celebration, it was about colonial continuity and the emancipation of Black people in 2014, about the right to self-definition and equality. It is everyone’s responsibility to ensure that we can live as equals in Europe, so think about what you can bring to the table to make it happen.

Juli 28, 2016

Durch Beleuchtung kolonialer Kontinuitäten den öffentlichen Diskurs bereichern

Jamie Schearer

Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) arbeitet seit fast 30 Jahren aktiv daran, Menschen afrikanischer Herkunft und Schwarze Menschen in Deutschland zu empowern. Ziel ist es, ihre Stimmen zu stärken und ebenso ihre Perspektiven und Realitäten in der deutschen Gesellschaft sichtbar zu machen. Die ISD widmet sich der Herausforderung eines Diskurses, der Schwarze Präsenz in Deutschland weder sehen noch anerkennen will. Seit mehr als 300 Jahren werden Menschen afrikanischer Herkunft in Deutschland geboren, wachsen hier auf und haben Deutschland zu ihrer Heimat gemacht; doch finden Erzählungen über Schwarze Erfahrungen in Deutschland kaum Gehör. Während ihre Geschichten in der dominierenden Geschichtsschreibung nicht existieren, beherrschen stereotype Klischees die Darstellung der Schwarzen Diaspora.

Rassistische Bilder und Überzeugungen müssen im Zusammenhang mit historisch bedingten Machtverhältnissen verstanden werden, denn diese bedingen die verzerrten, vergangenen und gegenwärtigen, Abbildungen der Realitäten Schwarzer Menschen.

Dies muss auch durch die Linse des Kolonialismus interpretiert werden. In der deutschen Gesellschaft gibt es so gut wie kein Bewusstsein über deutsche Gräueltaten während der Kolonialzeit. Die Tatsache, dass die ersten Konzentrationslager in Namibia, dem ehemaligen Deutsch-Süd-West-Afrika, errichtet wurden, bleibt der breiten deutschen Öffentlichkeit unbekannt und wird in der Schulbildung weitestgehend ignoriert. Der Genozid an die Herero und Nama und die Spuren, die er in diesen Gesellschaften bis zum heutigen Tag hinterlassen hat, bleiben ungeklärt und gänzlich ohne Reparationsbemühungen von deutscher Seite.1 Daher ist es besonders beleidigend, dass Deutschlands „Entwicklungshilfe“ unangemessenerweise als Form der Wiedergutmachung für den Genozid gegen die Herero und Nama beworben wird. Entwicklungshilfe trägt ganz klar nicht zur Traumaheilung der kolonisierten Menschen bei, die in den Jahren 1904 bis 1908 einen Vernichtungskrieg erlitten2. Die Strategie der deutschen Regierung lenkt von den begangenen Gräueltaten ab und impliziert wieder einmal mehr, dass der Kolonisierer die Definition dessen übernimmt, was es an Reparatur zur Heilung für die betroffene Gruppe bedarf, anstatt die Mittel und Wege zu untersuchen und zu respektieren, die von der namibischen Gesellschaft ausdrücklich erwünscht sind.

Gruppen wie AfricaVenir, Berlin-Postkolonial e.V., AK Panafrikanismus e.V., Bündnis Decolonize München und Tanzania Network e.V. sowie die ISD und ADEFRA erklären sich solidarisch mit den Reparationsforderungen des globalen Südens. Im Jahr 2011 wurden 20 menschliche Überreste der Herero und der Nama an die Namibische Delegation zurück gereicht. Die Schädel waren in Namibia, nach dem Genozid zu „Forschungszwecken“ entwendet worden. Eine zweite Übergabe fand Anfang dieses Jahres statt. Viele weitere Gebeine befinden derweil noch für die Durchführung von Experimenten in deutschen Forschungskrankenhäusern und Archiven.3 Die aktive Unterstützung und Kampagnenarbeit in Deutschland stärkten die Position der namibischen Seite. Instrumente wie Interventionen, Medienaufrufe und Petitionen an den Deutschen Bundestag wurden genutzt, um den Druck auf die deutsche Regierung zu erhöhen, sodass sich diese endlich mit der Thematik beschäftigen würde.

Die ISD sieht in der Wiedergutmachung nicht lediglich eine finanzielle Reparation an die Menschen afrikanischer Herkunft und Schwarze Menschen. Stattdessen bedarf es eines strukturellen Ansatzes, der die Berichtigung des gebrochenen Systems ermöglicht. Ein System, das nicht dazu gemacht ist, alle gleichberechtigt zu schützen und zu versorgen.

Der Conseil Représentatif des Associations Noires (CRAN) hebt in seinem Dossier „Esclavage et Réparation“ die Notwendigkeit zum aktiven Kampf gegen Rassismus hervor; dieser soll mittels „rechtlicher, moralischer, kultureller und symbolischer“4 Reparation das gebrochene System, welches Schwarze Menschen entrechtet zurücklässt, beheben.

Die fehlende Anerkennung von Kolonisation als ein Verbrechen gegen die Menschheit, ebenso wie die faktische Missachtung des Völkermordes an den Herero und Nama in Namibia, erlauben das Fortbestehen einer Darstellung der “Bürde des weißen Menschen“ und der “zivilisatorischen Notwendigkeit der Kolonisation“ für die sogenannten Entwicklungsländer.

Durch die fehlende (oder fehlgeleitete) Bildung bezüglich Deutschlands kolonialer Vergangenheit, wird Kolonialrassismus als valides Wissen weitergeführt. Diese historischen (Miss-)Konzepte verstecken sich hinter einer beleidigenden Terminologie. Entsprechend sind sprachliche Normen extrem wichtig für die öffentliche Aufarbeitung von bestehenden kolonialen Praktiken .

Eine Herangehensweise zur Aufklärung wird seit den 1990er Jahren durch verschiedene Initiativen gepflegt, so beispielsweise von Berlin-Postkolonial e.V., (freedom roads), München Postkolonial, AK Postkolonial, AK Panafrikanismus e.V., EDEWA, No Humboldt 21! etc. Hauptsächlich arbeiten sie an der Thematik der postkolonialen Stadt.

Dies beeinhaltet eine aktive Lobbyarbeit zur Umbenennung von Straßen, welche die Kolonialzeit und deren Kolonialmachthaber_innen glorifizieren; Ausstellungen, die urbane Manifestationen von kolonialen Kontinuitäten ausfindig machen und diskutieren; -Workshops, Stadtführungen, Performancestücke und Vorträge zur kolonialen Vergangenheit und ihre Bedeutung heute; sowie die Aufklärung von Schulklassen, Anwohner_innen und Kunstschaffenden über die totgeschwiegene Geschichte ihres Umfeldes.

Diese konkreten Aktionen knüpfen an die oben genannte symbolische Dimension von Reparationsleistungen an. Um jedoch ihr volles Potenzial zu entfalten, muss sie mit der moralischen Komponente, die durch den äußerst wirkungsvollen öffentliche Diskurs repräsentiert wird, zusammengebracht werden. Öffentliche Debatten und Diskurse bilden und informieren die breite Bevölkerung und bewirken so ein „Verlernen“ von rassistischem Wissen in der Gesellschaft.

Im deutschen Kontext, sind diese Diskussionen zumeist in linken akademischen Räumen konzentriert, was die Frage aufwirft, wie eine erfolgreiche Wissenseinführung zur strukturellen Dimension von Rassismus an jene herangebracht werden kann, welche sich nicht in diesen Kreisen bewegen.

Die ISD fordert die weiße deutsche Geschichtsschreibung, welche Schwarze Menschen, ihre Geschichte und Deutschlands Beteiligung am Kolonialismus und an der Versklavung als irrelevant geringschätzt, heraus. Dies geschieht durch eben diese Bereicherung des öffentlichen Diskurses, den es zu dekolonisieren gilt.

Von Keshia Fredua-Mensah & Jamie Schearer

 


¹Ursula Trüper (21.05.2011): “Gewalt ist meine Politik” in Berliner Zeitung, http://www.berliner-zeitung.de/archiv/deutschland-errichtete-schon-als-kolonialmacht-in-afrika-erste-konzentrationslager-und-beutete-brutal-die-einheimischen-in-namibia-aus–davon-will-die-bundesregierung-offenbar-nichts-mehr-hoeren–gewalt-ist-meine-politik-,10810590,10788292.html

²Joshua Kwesi Aikins (2008): “Alltägliche Gegenwart der kolonialen Vergangenheit – Entinnerung, Erinnerung und Verantwortung in der Kolonialmeteropole Berlin” in Herta Däubler-Gmelin/ Ann Kathrin Helfrich/ Ekkehard Münzing/ Christian Walther (ed.), “Afrika: Europas verkannter Nachbar”, pp. 52.

³Simone Knapp (2013): “Der Völkermord in Namibia: Anerkennung und Wiedergutmachung stehen immer noch aus”http://www.no-humboldt21.de/wp-content/uploads/2013/12/knapp_2013_voelkermord_in_namibia.pdf

4CRAN – Conseil Représentatif des Associations Noires: “Esclavage et réparation” http://www.le-cran.fr/document-cran-associations-noires-de-france/18-brochure-sur-les-reparations-relatives-a-l-esclavage-.pdf

Oktober 11, 2014