Mein Kommentar zu den Bundestagswahlen

Jamie Schearer

„Wir sollten uns in den kommenden vier Jahren auf allen Ebenen bewusst dafür entscheiden, eine vielfältige Gesellschaft zu gestalten, anstatt unsere ganze Zeit und Energie in die Abwehr der Worte oder der Vorhaben der AfD zu stecken. Dieser Kampf bündelt zu viele Ressourcen und erreicht zu wenig.“

Hier der Artikel

 

Oktober 10, 2017

#GehtWählen #BTW2017

Jamie Schearer

Am kommenden Sonntag sind in Deutschland Bundestagswahlen. Einige Umfragen prognostizieren, dass die AfD, eine klar rassistische und demokratiefreindliche Partei, dritt stärkste Kraft im neuen Bundestag wird. Bitte macht Gebrauch von Eurem Wahlrecht und #GehtWählen. Ich habe letzte Woche mit Raul Krauthausen über dieses Thema und noch vieles mehr gesprochen. Einen Ausschnitt unseres Gesprächs findet ihr in der re:sponsive Folge 7

September 20, 2017

International Women’s Day

Jamie Schearer

Today is International Women’s Day, a reminder of how far we have come and a reminder of the many battles that we are yet to fight and spaces to break into. Here a promotion clip for today’s demonstration in Berlin if you can join the march!

 

März 8, 2017

Why Zwarte Piet shows us that we are not over colonialism…

Jamie Schearer

A reflection on why Zwarte Piete is racist and a legacy of the Netherlands’ history of colonialism and slavery.

As a people raised in Europe we are taught to believe in Human Rights and in democracy. We believe that these are rights that we own, rights that are guaranteed to us. We believe that it is one of our fundamental rights to not only express our opinion freely, but to do so especially when it is about our human dignity, when it is about standing up for the inalienable rights that we were supposedly given. The Dutch constitution, as well as the German one, state that people have the right to a life free of discrimination whether on the basis of race, gender or belief. However, our daily realities look very different.

During this last weekend I was reminded that these rights are only granted to certain people in society, not to those who stand against the legacy of colonialism and enslavement of Black people and highlight its continuity until today. The effects of colonialism and enslavement linger on. The controversy about Black Pete is just one form of racism as Black communities deal with higher unemployment rates, police violence, racial profiling and an educational gap.

The events in Gouda at the national parade of Sinterklaas and his ’helpers’ the Zwarte Piets this last weekend, have shown that the Netherlands is not only holding on to and perpetuating colonial imagery of Black people,
it is also silencing any protest against it. The children’s festivity, where Sinterklaas, an equivalent to Santa Claus, is accompanied by his ’helpers’ who are blackfaced, is not an innocent children’s celebration.
It is actually an initialising moment of framing Black people as ’the others’, as servants and jolly and dumb entertainers, while handing out candy, reproducing the image of colonial subjects. This form of representation of Blackness through the colonial lense makes a strong case for where we stand in 2014 as European countries.

ZwartePietNiet_Berlin Embassy
Keshia F.-M.

The mere presence of Black people with ’Zwarte Piet Niet’ (No to Black Pete) T-shirts even led to arrests. We, as people who were peacefully protesting, were arrested, making clear how little criticism of the current system is allowed.

Because blackfacing isn’t just a problem in the Netherlands. You find racist blackfacing across Europe, including Germany, Denmark, Sweden, Spain and so on. Often these events are not only organised through official entities, but the people financing them include Black citizens, through their tax money.

In Germany we had two cases of blackfacing on the public TV station last year. One incident took place during the Holocaust memorial day, stating that it would be censorship to change the N-word in childrens’ books. Blackfacing most of the time becomes a tool to emphasize the position of Black people in our societies. It shows us Black people that we do not have the power to define images about us. Instead they are shaped and reinforced for us by the dominant society. Hence, the protest in Gouda was about much more than a children’s celebration, it was about colonial continuity and the emancipation of Black people in 2014, about the right to self-definition and equality. It is everyone’s responsibility to ensure that we can live as equals in Europe, so think about what you can bring to the table to make it happen.

Juli 28, 2016

“Von Rosa Parks zu #SayHerName.” im Missy-Magazine 03/15

Jamie Schearer


Rosa Parks war nicht alleine

Wer gemeint ist, wenn wir #BlackLivesMatter sagen – und warum die Sichtbarkeit Schwarzer Frauen durch #SayHerName so wichtig ist.

Es ist kein Zufall, dass es 2012 drei Schwarze Frauen waren, die den Hashtag #BlackLivesMatter initiiert haben. Zwei davon sind Teil der Queeren Communities in den USA und sprechen darüber offen. Anlass für den Hashtag war der gewaltsame Tod von Trayvon Martin – denn Martin steht nicht alleine. Sein Tod war einer von vielen und Ausdruck eines rassistischen Systems, das Schwarze Leben als minderwertig erachtet.

Foto von J.B. Franklin

Schwarze Menschen sterben Jahr für Jahr in den USA durch die Hand der Polizei. Diese Art der Entwertung Schwarzer Leben hat aber auch in anderen Teilen der Welt Tradition. Seit 500 Jahren sterben Schwarze Menschen wegen Rassismus – ob durch Versklavung, Lynchmorde oder Polizeigewalt. In den USA kennen wir die Zahlen: Seit Beginn diesen Jahres wurden mehr als 500 Menschen von der Polizei erschossen, dabei waren Schwarze fünf mal so häufig betroffen, wie Weiße und Latinos. Rassistisch ist auch die Polizeigewalt in Europa – in den meisten Fällen fehlen allerdings die Daten.
Der Hashtag #BlackLivesMatter wurde bewusst gewählt, weil er alle Schwarzen Menschen einbezieht. Dennoch ist passiert, was in solchen Fällen immer passiert: Der Hashtag wurde vor allem benutzt, um über den institutionellen Rassismus zu sprechen, der Männern wiederfährt. Rekia Boyd, Yvette Smith, Tanisha Anderson und Aiyana Stanley-Jones sind Frauen oder gar Kinder, die durch die Polizei umgekommen sind, doch ihre Namen sind uns meist unbekannt. Bri Golec, Penny Proud, Taja DeJeus, Ty Underwood und Lamia Beard sind People of Color Trans*Frauen, die 2015 umgebracht wurden. Daher rückt seit ein paar Wochen der Hashtag #SayHerName in den Vordergrund, um auch auf Frauen als Opfer polizeilicher Gewalt in den USA hinzuweisen.

Ebenso wichtig ist es, nicht nur in die USA zu schauen. Christy Schwundeck und N‘deye Mareame Sarr sind deutsche Fälle. Letztere lebte von ihrem weißen Deutschen Mann in Trennung und hatte am 13. Juli 2001 die Polizei vergeblich um Unterstützung bei der Abholung ihres Sohnes von der Wohnung des Mannes gebeten. Als sie ihren Sohn dann selbst holen will und dieser nicht in der Wohnung des Vaters anzutreffen ist, kommt es zum Streit. Der Mann ruft die Polizei. Als die 2 Polizist*innen eintreffen, ergreifen sie Partei für den Mann, der Streit eskaliert. Saar greift zum Brotmesser, um sich gegen die Mitnahme durch die Polizei zu wehren und wird im Zuge dessen von der Polizei erschossen. Die Polizei kriminalisiert die Frau im Nachgang als gewalttätig, aggressiv und physisch ihrem Ehemann überlegen – eine gängige Stereotypisierung Schwarzer Frauen. Diese Realitäten werden durch das Patriarchat unsichtbar gemacht.

Sexismus hat Struktur, auch in der Schwarzen Community. Die Schwarze Bügerrechtlerin Rosa Parks war nicht alleine. Die Namen ihrer Mitstreiterinnen wie Fannie Lou Hamer und Ella Baker sind allerdings nicht die ersten, die uns einfallen, wenn wir über die Bürgerrechtsbewegung der USA sprechen. Schwarze Frauen waren schon immer zentraler Teil von Protest- und Widerstandsbewegungen, wenngleich deren bekannteste Figuren Männer sind – Malcolm X, Martin Luther King oder Nelson Mandela.

Schwarze Frauen und ihre Beiträge werden meist in den Hintergrund gestellt. Rosa Parks war eine Menschenrechtsaktivistin, die sich weigerte im segregierten Süden der USA ihren Platz im Bus aufzugeben. Sie wird in gängigen Debatten allerdings nicht als Aktivistin dargestellt, sondern als Frau, die sich an einem Tag wie jedem anderen entschieden hat, ihren Sitz nicht zu räumen. Dass Parks ein Training in der Highlander Folk School, ein in Tennessee ansässiges Schulungszentrum für Aktivist*innen, für die Aktion im Bus erhalten hatte, weiß fast niemand. Ebensowenig, dass sie bereits vorher Meilensteine für die gleichberechtigten Teilhabe von Frauen an der Bügerrechtsbewegung gelegt hatte. So war sie eine der ersten Frauen, die eine Leitungsposition in der National Association for the Advancement for Colored People (NAACP) inne hatte.
Fannie Lou Hamer war einer der Hauptorganisator*innen des Mississippi Freedom Summer des Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) dessen Ziel es war, im Sommer 1964 so viele Schwarze Menschen wie möglich für die Wahlen zu registrieren. Später war die Vizepräsidentin der Mississippi Freedom Democratic Party. Ella Baker hat über fünf Jahrzehnte hinweg aktivistisch gearbeitet und war Mentorin für viele Aktivist*innen, darunter Stokely Carmichael und Rosa Parks. Sie arbeitete auch zusammen mit vielen Größen der Bürgerrechtsbewegung wie W. E. B. Du Bois, A. Philip Randolph oder Martin Luther King.

Beispiele wie diese zeigen: Die Geschichte der Schwarzen Bewegung in den letzten 30 Jahren, ob hier oder in den USA, ist unweigerlich auch mit Schwarzem Feminismus verbunden. Schwarze Frauen nehmen immer mehr Räume in Anspruch und fordern ihre Rechte auch zunehmend ein. Kürzlich organisierten sich etwa Schwarze Frauen mithilfe von #SayHerName auf den Straßen von San Francisco, um Polizeigewalt an Frauen zu skandalisieren. Signifikant war dabei der Rückgriff auf Protestformen, die von Schwarzen Frauen in Westafrika genutzt werden, wobei die Frauen barbusig demonstrieren. Ziel ist und war es im afrikanischen Kontext, damit gegen koloniale Praktiken und die sexualisierte Wahrnehmung von Schwarzen Frau durch den Westen vorzugehen. Die gleiche Protestform wurde nun auch in San Francisco verwendet. Sie zeigt außerdem die Verbundenheit der Schwarzen Diaspora und wie relevant Rückbezüge zum afrikanischen Kontinent sind.
Aktionen wie #BlackLivesMatter und #SayHerName zeigen zweierlei: Schwarze Frauen kämpfen seit Jahrzehnten für die Anerkennung der Lebensrealitäten Schwarzer Menschen und eben auch der Polizeigewalt, die sie erfahren. Und: Sie werden immer selbstbewusster und fordernder. Als Resultat schaffen sie sich eigene Räume, Netzwerke und Proteste, um sich abzuheben – ganz nach dem Motto: Forward ever, backward never!

August 1, 2015

#BlackHistoryMonth: Warum Yaa Asantewaa mein Vorbild ist

Jamie Schearer

Yaa Asantewaa

von Jamie Schearer

Yaa Asantewaa agitierte gegen die koloniale Besetzung der Asante im heutigen Ghana und mobilisierte so einen anti-kolonialen Aufstand gegen die Briten, der sonst nicht Zustande gekommen wäre. Sie führte die Kampfhandlungen an und war der strategische Kopf, wenngleich sie wahrscheinlich nicht selbst gekämpft hat. Sie machte deutlich, dass sie und andere Frauen bereit waren zu kämpfen, um sich dem Kolonialismus der Briten zu widersetzen.

Asantewaa

Yaa Asantewaa zeigt die Stärke von Schwarzen Frauen und dass wir nicht warten müssen, bis irgendwer etwas für uns macht, sondern dass wir als Schwarze Frauen ebenso in der Lage sind, den von uns gewollten Wandel herbeizuführen. Frei nach dem Leitspruch: If you want something done, do it yourself… Entsprechend sehe ich sie als einer der wichtigsten Vorbilder für Schwarze Frauen.

Sie ist außerdem ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig es ist zu sprechen, wie wichtig unsere Perspektiven für unsere Gemeinschaften sind und welchen Schatz sie für unseren Widerstand gegen Unterdrückung bergen.
Leider gibt es viel zu wenig Literatur, Filme oder Hörspiele zu Yaa Asantewaa.

Februar 23, 2015

Missy Interview — Vorbilder

Jamie Schearer

Direkt zu Beginn des Jahres habe ich mit dem Missy Magazin über meine Vorbilder sprechen dürfen. Ausgesucht hatte ich mir Jill Scott, eine US-amerikanische Sängerin, deren Texte mich zum hinterfragen von Rassismus und Sexismus inspiriert haben.

Hier der Artikel in Gänze

 

Podiumsdiskussion zum Buch des Europäischen Netzwerks gegen Rassismus (ENAR) “Invisible Visible Minority: Launch of ENAR book on people of African descent”

Jamie Schearer

ENARSchwarze Menschen sind in Deutschland keine offiziell anerkannte Minderheitengruppe. Die UN hingegen sagt, dass Schwarze Menschen einer jener Gruppen ist, die besonders von Rassismus betroffen sind und somit besonderen Schutz brauchen. Somit wäre die gesetzliche Anerkennung als nationale Minderheit durchaus wichtig, um auch politisch Instrumente zu implementieren, die der Gruppe mehr Schutz garantieren. Die UN Arbeitsgruppe “Committee on the Elimination of Racial Discrimination” (CERD) hat sogar ein Empfehlungskatalog nur für Menschen Afrikanischer Herkunft herausgegeben. In den meisten anderen europäischen Ländern ist die Lage Schwarzer Menschen ähnlich. „Podiumsdiskussion zum Buch des Europäischen Netzwerks gegen Rassismus (ENAR) “Invisible Visible Minority: Launch of ENAR book on people of African descent”“ weiterlesen

Januar 23, 2015

Durch Beleuchtung kolonialer Kontinuitäten den öffentlichen Diskurs bereichern

Jamie Schearer

Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) arbeitet seit fast 30 Jahren aktiv daran, Menschen afrikanischer Herkunft und Schwarze Menschen in Deutschland zu empowern. Ziel ist es, ihre Stimmen zu stärken und ebenso ihre Perspektiven und Realitäten in der deutschen Gesellschaft sichtbar zu machen. Die ISD widmet sich der Herausforderung eines Diskurses, der Schwarze Präsenz in Deutschland weder sehen noch anerkennen will. Seit mehr als 300 Jahren werden Menschen afrikanischer Herkunft in Deutschland geboren, wachsen hier auf und haben Deutschland zu ihrer Heimat gemacht; doch finden Erzählungen über Schwarze Erfahrungen in Deutschland kaum Gehör. Während ihre Geschichten in der dominierenden Geschichtsschreibung nicht existieren, beherrschen stereotype Klischees die Darstellung der Schwarzen Diaspora.

Rassistische Bilder und Überzeugungen müssen im Zusammenhang mit historisch bedingten Machtverhältnissen verstanden werden, denn diese bedingen die verzerrten, vergangenen und gegenwärtigen, Abbildungen der Realitäten Schwarzer Menschen.

Dies muss auch durch die Linse des Kolonialismus interpretiert werden. In der deutschen Gesellschaft gibt es so gut wie kein Bewusstsein über deutsche Gräueltaten während der Kolonialzeit. Die Tatsache, dass die ersten Konzentrationslager in Namibia, dem ehemaligen Deutsch-Süd-West-Afrika, errichtet wurden, bleibt der breiten deutschen Öffentlichkeit unbekannt und wird in der Schulbildung weitestgehend ignoriert. Der Genozid an die Herero und Nama und die Spuren, die er in diesen Gesellschaften bis zum heutigen Tag hinterlassen hat, bleiben ungeklärt und gänzlich ohne Reparationsbemühungen von deutscher Seite.1 Daher ist es besonders beleidigend, dass Deutschlands „Entwicklungshilfe“ unangemessenerweise als Form der Wiedergutmachung für den Genozid gegen die Herero und Nama beworben wird. Entwicklungshilfe trägt ganz klar nicht zur Traumaheilung der kolonisierten Menschen bei, die in den Jahren 1904 bis 1908 einen Vernichtungskrieg erlitten2. Die Strategie der deutschen Regierung lenkt von den begangenen Gräueltaten ab und impliziert wieder einmal mehr, dass der Kolonisierer die Definition dessen übernimmt, was es an Reparatur zur Heilung für die betroffene Gruppe bedarf, anstatt die Mittel und Wege zu untersuchen und zu respektieren, die von der namibischen Gesellschaft ausdrücklich erwünscht sind.

Gruppen wie AfricaVenir, Berlin-Postkolonial e.V., AK Panafrikanismus e.V., Bündnis Decolonize München und Tanzania Network e.V. sowie die ISD und ADEFRA erklären sich solidarisch mit den Reparationsforderungen des globalen Südens. Im Jahr 2011 wurden 20 menschliche Überreste der Herero und der Nama an die Namibische Delegation zurück gereicht. Die Schädel waren in Namibia, nach dem Genozid zu „Forschungszwecken“ entwendet worden. Eine zweite Übergabe fand Anfang dieses Jahres statt. Viele weitere Gebeine befinden derweil noch für die Durchführung von Experimenten in deutschen Forschungskrankenhäusern und Archiven.3 Die aktive Unterstützung und Kampagnenarbeit in Deutschland stärkten die Position der namibischen Seite. Instrumente wie Interventionen, Medienaufrufe und Petitionen an den Deutschen Bundestag wurden genutzt, um den Druck auf die deutsche Regierung zu erhöhen, sodass sich diese endlich mit der Thematik beschäftigen würde.

Die ISD sieht in der Wiedergutmachung nicht lediglich eine finanzielle Reparation an die Menschen afrikanischer Herkunft und Schwarze Menschen. Stattdessen bedarf es eines strukturellen Ansatzes, der die Berichtigung des gebrochenen Systems ermöglicht. Ein System, das nicht dazu gemacht ist, alle gleichberechtigt zu schützen und zu versorgen.

Der Conseil Représentatif des Associations Noires (CRAN) hebt in seinem Dossier „Esclavage et Réparation“ die Notwendigkeit zum aktiven Kampf gegen Rassismus hervor; dieser soll mittels „rechtlicher, moralischer, kultureller und symbolischer“4 Reparation das gebrochene System, welches Schwarze Menschen entrechtet zurücklässt, beheben.

Die fehlende Anerkennung von Kolonisation als ein Verbrechen gegen die Menschheit, ebenso wie die faktische Missachtung des Völkermordes an den Herero und Nama in Namibia, erlauben das Fortbestehen einer Darstellung der “Bürde des weißen Menschen“ und der “zivilisatorischen Notwendigkeit der Kolonisation“ für die sogenannten Entwicklungsländer.

Durch die fehlende (oder fehlgeleitete) Bildung bezüglich Deutschlands kolonialer Vergangenheit, wird Kolonialrassismus als valides Wissen weitergeführt. Diese historischen (Miss-)Konzepte verstecken sich hinter einer beleidigenden Terminologie. Entsprechend sind sprachliche Normen extrem wichtig für die öffentliche Aufarbeitung von bestehenden kolonialen Praktiken .

Eine Herangehensweise zur Aufklärung wird seit den 1990er Jahren durch verschiedene Initiativen gepflegt, so beispielsweise von Berlin-Postkolonial e.V., (freedom roads), München Postkolonial, AK Postkolonial, AK Panafrikanismus e.V., EDEWA, No Humboldt 21! etc. Hauptsächlich arbeiten sie an der Thematik der postkolonialen Stadt.

Dies beeinhaltet eine aktive Lobbyarbeit zur Umbenennung von Straßen, welche die Kolonialzeit und deren Kolonialmachthaber_innen glorifizieren; Ausstellungen, die urbane Manifestationen von kolonialen Kontinuitäten ausfindig machen und diskutieren; -Workshops, Stadtführungen, Performancestücke und Vorträge zur kolonialen Vergangenheit und ihre Bedeutung heute; sowie die Aufklärung von Schulklassen, Anwohner_innen und Kunstschaffenden über die totgeschwiegene Geschichte ihres Umfeldes.

Diese konkreten Aktionen knüpfen an die oben genannte symbolische Dimension von Reparationsleistungen an. Um jedoch ihr volles Potenzial zu entfalten, muss sie mit der moralischen Komponente, die durch den äußerst wirkungsvollen öffentliche Diskurs repräsentiert wird, zusammengebracht werden. Öffentliche Debatten und Diskurse bilden und informieren die breite Bevölkerung und bewirken so ein „Verlernen“ von rassistischem Wissen in der Gesellschaft.

Im deutschen Kontext, sind diese Diskussionen zumeist in linken akademischen Räumen konzentriert, was die Frage aufwirft, wie eine erfolgreiche Wissenseinführung zur strukturellen Dimension von Rassismus an jene herangebracht werden kann, welche sich nicht in diesen Kreisen bewegen.

Die ISD fordert die weiße deutsche Geschichtsschreibung, welche Schwarze Menschen, ihre Geschichte und Deutschlands Beteiligung am Kolonialismus und an der Versklavung als irrelevant geringschätzt, heraus. Dies geschieht durch eben diese Bereicherung des öffentlichen Diskurses, den es zu dekolonisieren gilt.

Von Keshia Fredua-Mensah & Jamie Schearer

 


¹Ursula Trüper (21.05.2011): “Gewalt ist meine Politik” in Berliner Zeitung, http://www.berliner-zeitung.de/archiv/deutschland-errichtete-schon-als-kolonialmacht-in-afrika-erste-konzentrationslager-und-beutete-brutal-die-einheimischen-in-namibia-aus–davon-will-die-bundesregierung-offenbar-nichts-mehr-hoeren–gewalt-ist-meine-politik-,10810590,10788292.html

²Joshua Kwesi Aikins (2008): “Alltägliche Gegenwart der kolonialen Vergangenheit – Entinnerung, Erinnerung und Verantwortung in der Kolonialmeteropole Berlin” in Herta Däubler-Gmelin/ Ann Kathrin Helfrich/ Ekkehard Münzing/ Christian Walther (ed.), “Afrika: Europas verkannter Nachbar”, pp. 52.

³Simone Knapp (2013): “Der Völkermord in Namibia: Anerkennung und Wiedergutmachung stehen immer noch aus”http://www.no-humboldt21.de/wp-content/uploads/2013/12/knapp_2013_voelkermord_in_namibia.pdf

4CRAN – Conseil Représentatif des Associations Noires: “Esclavage et réparation” http://www.le-cran.fr/document-cran-associations-noires-de-france/18-brochure-sur-les-reparations-relatives-a-l-esclavage-.pdf

Oktober 11, 2014

“Warum wir für unsere Communities aktiv sein müssen? Darüber, die Veränderung zu sein…”

Jamie Schearer

Eine junge Schwarze Frau in Deutschland zu sein ist nicht einfach. Tatsächlich bringt es weltweit viele Hürden mit sich, eine Schwarze Frau zu sein. Eine Schwarze Frau wird nicht nur mit Sexismus sondern auch mit Rassismus konfrontiert.

Die uns betreffenden Debatten rund um Probleme mit Rassismus werden genauso wenig wie die Probleme mit Sexismus gegenüber Schwarzen Frauen in Deutschland geführt. Haben Sie in letzter Zeit eine Schwarze Frau in einer Führungsposition gesehen, zum Beispiel eine Schwarze Firmenchefin eines DAX-Unternehmens? Eine Schwarze Politikerin in der Führungsriege? Eine Schwarze Frau als Vorstandsmitglied einer internationalen NGO? Das ist kein Zufall, denn wir werden hinter geschlossenen Türen versteckt. Als eine junge gebildete Schwarze Frau scheint Frau drei Möglichkeiten zu haben: Frau bleibt und arbeitet entweder in einer Position, für die sie überqualifiziert ist oder Frau geht und arbeitet in einem Land, indem die Bedingungen für Schwarze Menschen im Allgemeinen besser sind. Als dritte und letzte Option bleibt der Widerstand, das Einstehen für eine politische Repräsentation und die Veränderung der Situation.

Frau könnte diesen Kampf auf den deutschen Kontext begrenzen, aber wir: Lioba Hirsch, Miriam Ajayi, Madina Mohamed und Jamie Schearer, fragten uns, warum wir uns auf den deutschen Kontext beschränken sollten, wenn wir in einer mehr und mehr globalisierten Welt leben, die unsere Lebensrealitäten formt. So entschieden wir uns, uns mit anderen Schwarzen Aktivist_innen zusammenzuschließen und organisierten aus diesem Grund das Netzwerktreffen für People of African Descent & Black Europeans vom 13. – 16. Februar 2014 in Berlin. Wir glauben, dass ein Netzwerk hilfreich ist, um uns marginalisierte Communities zu ermächtigen und eine Veränderung europaweit einzufordern. Deshalb hatten wir im Vorfeld alle Teilnehmer_innen von Schwarzen Interessengruppen gefragt, fünf Forderungen zu formulieren, die Schwarze Communities in ihrem Land ermächtigen würden und aus diesen hervorgingen. Die Forderungen galten während des Netzwerktreffens in den Arbeitsgruppen als Arbeitsgrundlagen. Die Gruppen wurden eingeteilt, um in fünf unterschiedlichen Kategorien zu arbeiten: Asyl, Arbeit, Justiz und politische und institutionelle Bildung. Die Ergebnisse wurden in einem Forderungskatalog zusammengefasst und vor den Europawahlen im Mai 2014 an die Fraktionsspitzen des europäischen Parlament geschickt. Auf der Grundlage dieses Katalogs wurden ebenfalls Fragen formuliert, die zur Beantwortung an die europäischen Parteien geschickt wurden. Die Antworten werden uns die Schritte zeigen, die von den Parteien im europäischen Parlament geplant sind, um die Probleme Schwarzer Menschen in Europa in Angriff zu nehmen.

Warum wir Ihnen das erzählen? Wir sind der Meinung, dass es wichtig ist, an dem Erbe Schwarzer Menschen in Europa zu arbeiten, um die afrikanische Diaspora sichtbar zu machen und für Anerkennung aufzustehen. Die Geschichte Schwarzer Menschen in Europa lässt sich mehrere hundert Jahre zurückverfolgen und unser Ziel ist es, die inakzeptablen Bedingungen, mit denen wir noch heute konfrontiert werden und in denen wir leben, zu verändern und zu bekämpfen.

Wir, Schwarze Frauen, sind Teil dieser Veränderung. Wir können Anführerinnen, Sprecherinnen, Lobbyistinnen unserer selbst-definierten und selbst-erkämpften Veränderung sein. Kürzlich habe ich dieses inspirierende Zitat gelesen:

Die Schwarze Frau ist die unbeschützteste, ungeliebteste Frau auf der Welt… Sie ist die einzige Blume dieser Welt, die unbewässert wächst.“

Wir mögen unbewässert wachsen, doch wir wachsen schnell.

 

Jamie Schearer & Madina Mohamed

Übersetzung von Jasmin Badiane

Juli 19, 2014